Stefan Waghubinger führt ins Innenleben eines sympathischen Verlierers Im Jahr 2012 hat Stefan Waghubinger „das Schwarze Schaf vom Niederrhein“ gewonnen. Mit seinem neuen Programm „Jetzt hätten die guten Tage kommen können“ beschert er dem Publikum im Südbahnhof einen großen Theaterabend

von Susanne Böhling
Der Dachboden der Eltern – liebevoll gestaltet von Harry Emke

Was Stefan Waghubinger auf die Bühne des Südbahnhofs bringt ist schon mehr ein Ein-Mann-Theaterstück als übliches Kabarett. Er spielt diesen Mann, dem nach einer gescheiterten Beziehung nichts bleibt als der Rückzug auf den Dachboden der Eltern. Ein Sanfter, der Konflikten aus dem Weg geht, und mit dem man sich gut identifizieren kann. Wenn es beispielsweise um die Einrichtung der Wohnung ging, hat „sie“ die Entscheidungen getroffen, und er die Nägel. Eine köstliche Pointe, und so gibt es viele an diesem Abend. Doch Waghubinger belässt es dabei nicht. Er führt die Zuschauer mit Hilfe dieser Pointen tiefer und tiefer in die Abgründe, die in allen – auch in den Sanften lauern.

Nicht nur Stefan Waghubingers Figur vermeidet gerne gründliches Nachdenken

Stefan Waghubingers Bühnenfigur fühlt sich niemals für irgendwas verantwortlich

Der Mann wurde schon als Kind auf den Dachboden geschickt, wenn er Mist gebaut hatte: „Zum Nachdenken“. Dagegen hat er sich nie aufgelehnt. „Ich war gern auf dem Dachboden!“ Nachgedacht hat er dennoch nicht. „Ich habe Fernsehzeitschriften gelesen.“ Schon bei diesem Lacher machen sich die Zuschauer weniger über den Mann auf der Bühne lustig. Dazu fehlt schlicht die Distanz, denn diesen Mann hat jeder in sich und so lachen sie mehr über sich selbst. Über den Mann in ihnen, der bemüht ist, es allen recht zu machen. Der mit der Frau in den Urlaub fährt – aber verhindern will, dass das Fahrrad während seiner Abwesenheit geklaut wird. Der es also mitnimmt  nach Italien. Bis ihn auffällt, dass diese Gefahr dort größer ist. Weshalb er es im winzigen Hotelzimmer unterbringt – wo es dann die ganze Zeit über zwischen ihm und der Frau steht. Dass solche Aktionen die Beziehung belastet haben könnten, darüber denkt er nicht nach.

Das Ziel: Als Gutmensch dazustehen ohne immer der Depp zu sein

Stefan Waghubinger agiert ohne Übertreibungen

Der Mann auf der Bühne will großzügig sein. Auf seinem Grabstein soll stehen: „Er war ein guter Mensch.“ Dabei weiß er genau, dass sie solche Menschen im Leben immer für den Deppen halten. Der er dann doch wieder nicht sein will. Also benutzt er – der nichts umkommen lassen kann – das Pestizid, das die Vormieter stehen ließen. Damit gedeihen ihm im Garten Gurken, von denen er die krummsten zu Geburtstagen verschenkt. Die Beschenkten sind glücklich – denn die Gurken schauen schon sehr „bio“ aus. Oder er verschenkt Gutscheine für Bungee-Jumping. „Die muss man nämlich nur bezahlen, wenn sie auch eingelöst werden.“ Worauf bislang alle verzichtet haben. Auch wenn sie zuvor immer getönt hatten, dass ihnen lediglich die Gelegenheit fehle: Jetzt, wo sie sie haben, fällt ihnen ein, dass sie doch sehr am Leben hängen. „Und diese Einsicht ist doch eigentlich das Schönste, das man zum Geburtstag bekommen kann,“ sagt er anerkennend über seine Geschenke-Taktik.

Viele köstlich skurrile Seitenstränge verschleiern die Kernaussage ohne sie zu verbergen

Vielleicht denkt der Mann auf dem Dachboden doch nach. Das kann man nicht leugnen. Immer wieder bringt er neue Erkenntnisse, die er aus skurrilen Situationen oder zunächst absurden Vorstellungen schöpft. So beispielsweise die Überlegung, ob er lieber „heilig“ oder lieber „selig“ sein will. Wobei er „selig“ als Synonym für glücklich bevorzugt – wohingegen „heilig“ jemand sei, der immer alles richtig mache. Das ist nicht nur ihm zu anstrengend. In einer Kneipe, der „Unfehlbar“ sieht er die Religionsführer zusammensitzen und um einen gemeinsamen Nenner ringen. „Wahrheit“ ist der einzige. Die erscheint dann auch prompt, als tief verschleierte Frau, die sich für ihn, nach und nach auszieht. Aber Stefan Waghubingers Figur stoppt sie. Er will sie nicht nackt sehen! Dieses Bild offenbart er seinen Zuschauern ganz nebenbei und es verstört nur ganz kurz, denn schon kommen die nächsten Pointen und Seitenstränge. Er weiß genau, dass wir seiner Bühnenfigur nur zu sehr ähneln und uns nur allzu ungern mit der nackten Wahrheit konfrontieren lassen. Aber wenn wir wollen und mutig sind, können wir den Bungee-Sprung ja trotzdem machen. Den Gutschein dazu hat uns Stefan Waghubinger an diesem Abend geschenkt.