Jessica Sinapi – Frau auf dem Koffer – Endstation Anfang

Jun '12
16
20:00
Jessica Sinapi

Wir befinden uns am Bahnhof: Dort wo das Leben etwas anders tickt, wo man unvermittelt angesprochen wird, wo Wege sich kreuzen, wo Menschen in Wartezeiten eingeschlossen sind, wo Menschen unterwegs sind und Menschen sich voneinander verabschieden. Das tragisch komische Solo mit und von Jessica Sinapi greift diese Stimmung auf und erzählt von einer Frau, die vollbepackt mit Taschen und Koffern ihr Leben Revue passieren lässt. Vergangenheit und Zukunft, Aufbruch und Stagnation – kurz ihre gesamte Gemütslage – scheint diesen Ort aufzugreifen.

Stellen Sie sich vor, dass Sie unvermittelt Zeuge eines (Selbst-)Gesprächs werden, einer Reflexion, eines Hilfeschreies, einer Geschichte: Eine Frau steht am Ende vom Anfang. Sie stellt ihr Leben in Frage und hinterfragt dabei sich selbst. Sie hat viel zu erzählen, ist etwas naiv und doch von einem sarkastischen Humor durchtränkt, der einen schaudern lässt. Sie ist verbittert, müde, verzweifelt, traurig und vor allem sie hat noch viel vor: „Stellen Sie sich vor Ihre Bude komplett abgebrannt und Sie stehen in ihren teuersten Klamotten vor den Trümmern ihrer Existenz. Was machen Sie denn da? Da können Sie nur in die nächste Kneipe gehen und ’ne Lokalrunde schmeißen: Trinkt einen auf mich, ich bin abgebrannt!“

Was ist vorgefallen im Leben dieser Frau und inwieweit spiegelt ihr Leben und Erleben uns alle wieder? Sie erzählt, wie das Leben sie erdrückt hat, wie sie sich eingeschlossen hat, weil sie die Menschen mit ihrem Drang nach Originalität nicht mehr ertragen konnte. Sie fühlt sich fast schon gezwungen zu sprechen, sucht einen Anfang und ist doch gefangen in ihren Erinnerungen. Es ist am Zuhörer, danach zu forschen und herauszufinden, was im Leben dieser Frau geschehen ist, welche Geheimnisse sie in sich trägt und welche Rolle ihr Mann dabei spielt. Lässt unsere Gegenwart wirklich Gefühle zu? Oder geht es vielmehr darum, Gefühle darzustellen, um interessante Charakterzüge in einem interessanten Leben vorweisen zu können. Ein Fazit bleibt: Das Leben ist von innen viel schöner als von außen.