Tanz auf dem Vulkan Eine deutsch-jüdische Liebesgeschichte in Versen. Gottfried Benn und Else Lasker-Schüler

Sonntag
02.09.2018
Uhrzeit:
17:00 Uhr - 18:30 Uhr

In zeithistorischem Kontext dialogisch präsentiert.
Rezitation: Ruth Mensah und Wolfgang Reinke

Der Lyriker Wolfgang Reinke unternimmt mit einer erlesenen Textauswahl den Versuch, zusammen mit der Schauspielerin Ruth Mensah, in einer dialogischen konzipierten Lesung, sowohl vor dem zeitgeschichtlichen, als auch vor dem interkulturellen Kontext die Schönheit des dichterischen Austausches zwischen Benn und Lasker-Schüler zu Gehör zu bringen.

In Berlin waren sie das Alp-Traum-Paar des Sommers 1913. Er – gerade zum Skandaldichter avanciert – sie bereits eine exzentrische Berühmtheit – die selbst in der Großstadt Berlin noch auffiel, weil sie als „Prinz von Theben“, entsprechend kostümiert, durch die Straßen lief, hin- und wieder auf Parkbänken nächtigte, und bei Lesungen das Publikum – ähnlich wie Beethoven – bei mangelnder Aufmerksamkeit harsch zurechtweisen konnte.

Gottfried Benn war damals 26 Jahre alt, Else Lasker-Schüler bereits 43. Schon der Altersunterschied war ungewöhnlich. Aber auch sonst waren es eher die Gegensätze, die sich hier anzogen. Gottfried Benn stammte aus einem evangelischen Pfarrhaus, arm aber strebsam, doch an Nietzsche geschult, mit Hang zum Nihilismus. Er hatte sich sein Medizinstudium mit einer Verpflichtung zum Militärdienst erarbeiten müssen. Seine ersten Gedichte aus der Zeit seines Physikums über Leichenschau und Pathologie brachen mit allen Tabus. Sie sind klinisch, präzise und notorisch nüchtern.

Else Lasker-Schüler kam aus einer jüdischen Bankiers-Familie in Wuppertal-Elberfeld und war mit dem berühmten Silberlöffel im Mund geboren worden. Sie entfloh dem Elternhaus durch eine erste Ehe und dem Bürgertum durch eine zweite. Der Preis für ein selbstbestimmtes Leben als Frau und Künstlerin war hoch: Sie verfügte nicht über die notwendigen Mittel zum Leben, war zeitweise sogar obdachlos. Lasker-Schüler floh in eine Traumwelt, in der sie „Tino von Bagdad“, der „Prinz von Theben“ oder eine Hebräerin aus einem romantisiertem Morgenland sein konnte. Immer und immer wieder ist die Liebe ihr Thema – im Leben, wie literarisch, notorisch verklärt.

Und doch war es die Dichtung, die diese kurze Beziehung am Vorabend des 1. Weltkrieges in Lichte der unterschiedlichen, kulturellen Weltanschauungen der Liebenden unsterblich werden ließ, denn sie zelebrierten ihre Affäre öffentlich durch Publikationen in den angesagtesten Literaturzeitschriften und bei Lesungen. Doch auf dem Höhepunkt dieses Dialogs hatten sich ihre Wege bereits wieder getrennt. Später brachte das Jahr 1933 die größtmögliche aller Distanzen.

Benn liebäugelte zunächst mit den neuen Machthabern, wurde aber bereits im gleichen Jahr in Organen der Nationalsozialisten angegriffen und 1936 im „Völkischen Beobachter“ als „Schwein“ bezeichnet. Zeitgleich erfolgte als „Innere Emigration“ die Reaktivierung als Oberstabsarzt der Wehrmacht. 1938 wurde Benn aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen und erhielt Schreibverbot. 1951 erfolgte mit dem Büchner-Preis eine späte Anerkennung. Von 1953 an bis zu seinem Todesjahr wurde er viermal für den Literaturnobelpreis nominiert. Seine Dichtung galt als richtungsweisend für viele der neuen Dichtergeneration, beispielsweise Peter Rühmkorf. Benns erster Auftritt vor Berliner Publikum nach 20 Jahren, 1952, galt Else Lasker-Schüler! 1956 wurde Benn auf dem Dahlemer Waldfriedhof in einem Ehrengrab der Stadt Berlin beigesetzt.

Bereits 1927 starb Lasker-Schülers einziger Sohn Paul mit 28 Jahren an Tuberkulose. Benn begleitete die Mutter auf dem Begräbnis. 1933 wurde die 64jährige auf offener Straße von Nazis zusammengeschlagen und entkam nur knapp in die Schweiz. Aus finanziellen Gründen musste sie nach Jerusalem fliehen. Nicht weiter ist zu betonen, dass das reale Morgenland eine grausame Herausforderung für sie war. Unterernährt, schwer erkrankt, und mittellos starb sie 1945 in Jerusalem. Über ihr Grab wurde Anfang der 1960er Jahre eine Schnellstraße gebaut. Der Grabstein wurde 1967 wiederentdeckt und ist erhalten.

Wolfgang Reinke, Krefeld, den 16.07.2018

Ruth Mensah, Foto-Copyright Laura Thomas

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wolfgang Reinke, Foto: privat

Kulturtechnikwerkstätten in Wort, Schrift und Bild

 

 

Ruth Mensah studierte Germanistik und Politikwissenschaft in Düsseldorf. Dort gründete sie gemeinsam mit Leon Illies das Schriftsteller-Duo TEXTWERK14. In ihren Arbeiten widmen sie sich gesellschafts- und kapitalismuskritischen Themen. Sie untersuchen menschliche Verhaltensweisen und deren Konsequenzen. Dabei referiert TEXTWERK14  häufig Soziologen, Philosophen und Schriftsteller. So kam es, dass sie im Zuge des Projekts EXTREM NORMAL, unter anderem  auf Gottfried Benns gesellschaftstheoretische Aspekte mit in ihre künstlerische Arbeit einbezogen.

Seit 2018 studiert Ruth Mensah Regie an der Folkwang Universität der Künste.

 

Der Dichter und Rezitator Wolfgang Reinke, geboren 1957 in Mülheim/Ruhr, studierte als Gutenberg-Stipendiat Architektur in Mainz, ist Mitglied im Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller und erhielt 2005 das Arbeitsstipendium des Landes NRW für Schriftsteller. Gedichtbände, die auch kleine Prosa enthalten, erscheinen seit 1998 im Grupello Verlag, Hörbücher im onomato verlag. Seit 2007 konzipiert und leitet er die Lesereihe „Elfenbeinturm. Dichter lesen Dichter“. Hinzu kommen Multimediaprojekte, die mit Mitteln des Landes NRW gefördert wurden, Buchillustrationen, sowie Teilnahmen an den Jüdischen Kulturtagen im Rheinland.

http://www.grupello.de/verlag/autoren/autor/Wolfgang%20Reinke/session//ident//

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